Microsoft Lumia 950 und 950XL

Geschrieben von (07.12.2015 18:00 CET)

Lange war es ruhig um Flaggschiffe bei Windows Phone. Das Lumia 930 war – als europäische Variante des Lumia Icon – deutlich zu spät am Markt, das als Gerücht kurz vor der Markeinführung gecancelte McLaren kam eben gar nicht erst auf den Markt, und vor der Einführung von Windows 10 Mobile wollte man dann kein Gerät mehr veröffentlichen. Nun hat die Durststrecke mit dem Lumia 950XL und seinem kleineren Bruder, dem 950, ein Ende gefunden. Böse Zungen behaupten, dass diese beiden Geräte quasi das Erbe von Nokia sind, die letzten Geräte, die noch für Nokia entworfen wurden. Wie dem auch immer sei: Beide sind nun auf dem Markt und dürfen sich dem Test stellen. Ich habe lange überlegt, ob ich separate Tests verfasse, aber am Ende sind die Geräte technisch wie optisch so ähnlich, dass ein gemeinsamer Test sinnvoller ist, in dem dann auf die Besonderheiten hingewiesen wird. Bei den Bildern fällt die Unterscheidung leicht: Das XL ist weiss, das 950 (als Dual SIM-Version) schwarz. :)

Das Lumia 950XL ist das größere Modell der beiden, auch wenn sich „grösser“ hier deutlich anders darstellt, als man es erwarten sollte: Von den reinen Maßen des Displays (950XL: 5.7 Zoll, 950: 5.2 Zoll) sollte man erwarten, dass auch die Außenmaße sich deutlich unterscheiden, in der Realität fällt der Unterschied allerdings deutlich geringer aus.

Unabhängig von der Diagonale haben die Displays beider Geräte eine Auflösung von 2560 × 1440, das Lumia 950XL damit natürlich einen etwas geringeren PPI-Wert. Faktisch ist das kein echtes Thema, denn bei der Auflösung kann das menschliche Auge bei keinem der beiden Geräte mehr einzelne Pixel erkennen. Auf der anderen Seite schaffen die OLED-Displays eine soclh scharfe und kontrastreiche Darstellung, dass es eine reine Freude ist. Ein Full HD-Film in nativer Auflösung (der das Display quasi noch unterfordert) ist so scharf, dass jeder, der bisher auf meinen Geräten in den Genuss kommen durfte, mit offenem Mund dasaß. Und da ist es auch egal, dass das 950 „nur“ einen Hexacore-Prozessor (also mit sechs Kernen) hat und das 950XL einen Octacore (also zwei Kerne mehr): In der praktischen Anwendung mit Spielen, Filmen, Office etc. merkt man keinen wirklichen Unterschied. Das mag anders sein, wenn man über Continuum einen Desktop darstellen lässt und mit echten Windows Apps arbeitet, bei lokalem Betrieb aber ist es in keinem Fall aufgefallen, dass das 950 langsamer sei.

Anders herum wird eher ein Schuh daraus: Das Lumia 950XL hat tatsächlich eine Flüssigkeitskühlung (siehe dieser Artikel). Durch die eine Flüssigkeit am Prozessor vorbeigeführt wird, um Wärme abzuführen, und das merkt man deutlich: Gar nicht mal auf eine prozessorhungrige Anwendung zurückzuführen wird das 950XL immer mal wieder spürbar warm. Aushaltbar, nicht heiß oder störend, aber deutlich mehr , als es beim 950 der Fall ist. Und das hat auch noch weitere Konsequenzen: Auch wenn der Akku des 950XL mit 3300 mAh Kapazität 10 Prozent leistungsfähiger als der des 950 (3000 mAh), ist, so hält er spürbar weniger Zeit durch: Bei nahezu identischer Nutzung (Mail-Push am Exchange, alle Aktualisierungen eingeschaltet, moderates Surfen und Telefonieren, mal ein Video zwischendurch) kommt das 950XL auf etwas mehr als einen Arbeitstag und liegt (nach einigen Ladezyklen und damit schon „warmgelaufenem“ Akku) nach Start um 08:00 gegen 22:00 an der Stromsparmodus-Grenze, also bei knapp 20%. Das 950 liegt da im Schnitt noch 15 Prozent höher.

Das mag durch das größere und damit stromhungrigere Display verursacht sein, dabei wäre ich aber davon ausgegangen, dass die 300mAh Akkukapazität das ausgleichen würden. Allerdings gibt es Anzeichen dafür, dass ein kommendes Windows 10 Mobile-Update hier systemseitig Abhilfe schaffen könnte.

Am Ende ist es einmal mehr die Frage nach der Art der Anwendung: Beide Geräte haben das kabellose Laden per Qi integriert, und wer sich eine QI-Ladeschale an den Schreibtisch legt, der wird das Thema „leerer Akku“ nur noch aus seiner Erinnerung kennen… es sei denn, er ist unterwegs. Was hier positiv auffällt: besonders über USB-C laden beide Geräte rasend schnell auf. Es reicht also, es zwischendurch für einige Minuten ans Netzteil zu hängen, um wieder einige Stunden an Akkukapazität zu bekommen.

Überhaupt USB C: der neue Stecker (der primär wegen der Continuum-Dock verwendet werden musste) bringt Licht und Schatten in die Anwendung: Die gewohnte Leichtfüssigkeit der Art „USB- (micro)- Kabel habe ich an jeder Ecke liegen“ hat man damit ohne Frage nicht mehr, und ich kann nur empfehlen, einen Satz an US-C-Kabeln anzuschaffen und an strategischen Stellen zu platzieren. Und natürlich passt das eine oder andere Zubehör nicht mehr. Auf der anderen Seite bietet die Wahl dieser Verbindung den Vorteil, dass man deutlich flexibler beim Anschluss von Zubehör ist. Seien es nun Tastaturen, Mäuse, USB-Sticks oder andere Datenträger, selbst der Anschluss eines USB-C-Multiadapters ist möglich. Besonders bei der Nutzung von Continuum macht das Spass, aber auch zum Beispiel, um schnell mal eben unterwegs Dateien zu kopieren.

Beide Geräte haben eine integrierte Infrarotkamera, die mit „Windows Hello“ das Anmelden am Gerät ohne Eingabe einer PIN erlaubt (siehe auch mein Bericht hier). Im Gegensatz zu Windows 10 auf dem Desktop (wie beispielsweise beim Surface Book) wird nicht das Gesicht gescannt, sondern die Iris des Anwenders. Das bedingt, dass man recht nah an die Kamera gehen muss, und die Wahl des Ausschnitts recht eingeschränkt ist. Nun ist zum einen Windows Hello auf dem Lumia 950/950XL explizit noch als Beta-Version ausgeschrieben, zum anderen ist die Diskussion um deren Sinnhaftigkeit eine Frage des halb vollen oder halb leeren Glases: Wenn man Hello richtig trainiert (einmal ohne eventuelle Brille lernen lassen, dann „Erkennung verbessern“ wählen und mit Brille, in unterschiedlichen Lichtsituationen etc. verfeinern), und meine hier zusammengeschriebenen Vorgaben beherzigt, dann funktioniert Hello aus meiner Sicht hervorragend. Ob man nun unbedingt das Gerät in 30cm Abstand vor sich halten möchte, das muss jeder Anwender selbst entscheiden. Alternativ bleibt immer noch das Wischen nach oben über das Display und die Eingabe der PIN als Alternative. Auf jeden Fall ist die Lösung innovativ, und ich ziehe sie der Fingerabdruckerkennung vor.

Beide Geräte bieten die selbe Kamera, und einmal mehr setzt Microsoft (in der Nachfolge von Nokia) hier Standards: die 20 Megapixel Auflösung sind in Ordnung und liegen im guten oberen Mittelfeld, auch wenn der eine oder andere Anwender sich die 41 Megapixel des Lumia 1020 gewünscht hätte. Hierbei sollte man aber eines in Betracht ziehen: Der Sensor alleine und seine Auflösung im Besonderen sind nur die halbe Miete. Wichtig ist, was die Kamerasoftware aus den aus dem Sensor ausgelesenen Daten macht, denn das bestimmt am Ende die Qualität des Bildes. Und hier brillieren das 950 und das 950XL gleichermaßen (bei gleicher Optik und identischer Software nicht verwunderlich): Die Bilder sind ultrascharf, absolut rauscharm und detailreich, ob nun im Tageslicht (Beispiele werden nachgeliefert) oder unter schlechten Lichtbedingungen (siehe mein Bericht hier). Es macht einfach nur Spaß, Bilder zu schießen und in diesen dann in die Details hinein zu zoomen… das lohnt sich und sorgt immer wieder für den entsprechenden Aha-Effekt.

Die von älteren Lumias bereite bekannte „Lebendige Bilder“-Funktion wurde in die Kamera-App integriert und ist nun nicht nur bei jedem Bild verfügbar (und von der Umsetzung der Kopie von Apple deutlich überlegen), sondern lässt sich auch als Video teilen und über die Photo App bearbeiten, ohne die Animation zu verlieren.

Microsoft hat – relativ verdeckt – einen Automatismus eingebaut, der sich „Rich Capture“ nennt Dieser nimmt das aufgenommene Bild und lässt diverse Algorithmen darüber laufen, die dafür sorgen, dass die Endergebnisse möglichst natürlich sind. Das gilt sowohl für die Belichtung als auch für die Farbgebung. Ich habe in den unterschiedlichsten Situationen mit beiden Geräten kein einziges Mal ein Bild bekommen, bei dem die Farben nicht real aussehen, auch wenn das Licht oder Gegenstände in der Umgebung extrem waren. Wer das alles aber nicht möchte, der kann entweder die Funktion komplett ausschalten oder alternativ das RAW-Bild, das die Lumias parallel zum JPG speichern können, verwenden.

Was den Windows Phones (aka Windows 10 Smartphones in diesem Fall) immer wieder vorgeworfen wird ist der Mangel an Apps. Das ist eine sehr subjektive Empfindung: Der eine Anwender findet für das, was er mit seinem Smartphone machen möchte, genau die richtigen Apps und ist zufrieden, der andere vermisst genau die eine (oder mehrere) Apps für eine spezielle Anwendung. Mit dem Lumia 950/950XL ändert sich das natürlich nicht… wohl aber mit dem, was hinter Windows 10 Mobile steht: Kein separates Betriebssystem, sondern eine Plattform, die auf Windows 10 aufsetzt und deren universelle Apps nutzen kann. Auch Windows 10 mangelt es noch an der Vielzahl der Apps, aber da nun mit wenig Aufwand der Kreis der potentiellen Anwender um ein Vielfaches vergrößert wurde, dürfte dieses Problem mittelfristig von immer geringerer Bedeutung sein.

Preis:

EUR 599,- für das Lumia 950, EUR 699,- für das Lumia 950 XL z.B. hier.

Fazit:

In der Summe der Anwendungsbereiche ist für mich das Lumia 950XL mit leichtem Vorsprung vor dem 950 zu sehen: Und das liegt einzig und alleine daran, dass das Gehäuse des 950XL nur marginal größer ist als das des 950. Die 0,5 Zoll, die der Bildschirm größer ist, fallen aber umso mehr ins Gewicht. Dazu kommt rein visuell, dass die Kamera bzw. deren Umrandung beim 950XL deutlich ansehnlicher ist als der eigentlich funktionslose Aluring beim 950.

Auf der einen Seite stimmt der Vorwurf, dass die beiden neuen Geräte „langweilig“ sind, weil sie vom Gehäuse her so überhaupt nicht innovativ sind, sondern nüchtern und mit Polycarbonat zwar nicht billig, aber eben auch nicht hochwertig wirken. Das lässt sich ein wenig verbessern, wenn man noch einmal EUR 50,- in die Hand nimmt und sich die zertifizierten Leder/Alu-Backcover von mozo (mein separater Artikel dazu kommt noch).

Rein technisch aber sind beide Geräte für mich großartig: Performance, Display, Kamera, alles spielt mit in der Oberliga. Einzig die Laufleistung der Akkus ist ein Punkt, wo die beiden Lumias schwächeln, Hier kann nur gehofft werden, dass sich da durch System-Updates etwas ändern wird. Auch die Tatsache, dass beide Geräte einen Micro SD-Slot (der Karten bis zu 2TB verarbeiten kann, getestet mit der momentan größten bezahlbaren micro SD mit 200 GB) und einen Wechselakku haben, stellt sie vor die Platzhirschen der konkurrierenden Plattformen (Samsung S6 und iPhone 6S).

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